Singapur – Das erste Konzert

Abendliches Konzert in der Jubilee Hall des Raffles Hotels, dem traditionsreichsten und einem der teuersten Häuser Singapurs. Ein Hauch von Kolonialismus weht durch diese Mauern. Früher stand der Komplex direkt am Meer. Inzwischen ist der Lagune soviel Land abgetrotzt worden, dass man es von hier aus nicht einmal mehr sieht.
Der Saal ist ein etwa 500 Zuschauer fassendes Theater, das vor 10 Jahren nach alten Plänen renoviert worden ist. Sehr schöne gusseiserne Applikationen zieren die dem alten Stil nachempfundene Bestuhlung. An beiden Seiten im Parkett befindet sich ein herrschaftlicher Säulengang. Das Theater verfügt über sämtliche für ein Konzert notwendige Technik. Die Licht- und Tonanlage sind integriert, Lautsprecher sind neben der Bühne nicht sichtbar in das Mauerwerk eingelassen.
Für das Konzert wurde ein Videoteam engagiert, das mit zwei Projektionen bühnenseitig links und rechts die Tastatur und die spielenden Finger übertragen soll.
Bei den Aufbauarbeiten kommt es zu ersten Schwierigkeiten. Zwei große Beamer sollen vom Rang aus über Kreuz Bilder auf zwei Leinwände projizieren, die auf der Bühne postiert waren. Sie waren allerdings so weit von der Lichtquelle entfernt, dass die Projektion für die Leinwand zu groß wurde. Das Video-Team, mit 20 Mann angerückt, war ratlos.
Die Anregung, die Projektion nicht kreuzweise sondern parallel zum Raum laufen zu lassen, um dadurch die Strecke zu verkürzen, wurde gar nicht in Betracht gezogen, geschweige denn verstanden. Überhaupt fiel auf, dass die Leute im Vergleich zu Deutschland eine komplett andere Arbeitsauffassung haben. Der Techniker in Singapur macht alles sofort, so wie man es ihm sagt, ohne es zu verstehen - der deutsche Techniker, will erst verstehen, bevor er sich entscheidet ob es lohnt damit anzufangen.
Da hier aber alles streng hierarchisch geordnet ist, musste es in diesem Fall nur jemand freundlich anordnen, und es geschah.
Es gab noch einige Probleme, meine aus Deutschland mitgebrachten pneumatischen Flügelbeine (die tanzenden Beine) mit dem mitgenommenen Kompressor zu verbinden. Letztendlich hat dann aber alles funktioniert. Nachdem der Operator der Beine und die Lichtleute instruiert waren, war mir schon etwas wohler.
Mein 1. Konzert in Singapur wurde in einem chinesischen Zeitungsartikel angekündigt. Die Folge war eine große Nachfrage nach Tickets. Wir beschlossen am nächsten Tag und am gleichen Ort ein Zusatzkonzert zu geben. Auch dieses wurde voll. Ein großer Erfolg für einen hier unbekannten Künstler, wie ich fand. Allerdings scheinen mir die Leute auch in dieser Beziehung hier obrigkeitshöriger als bei uns. Wenn die Zeitung sagt, man solle ein Konzert besuchen, dann wird das eben gemacht.
Mein Klavierrepertoire ist vielerorts erprobt. Vielmehr stand mir die Präsentation des Konzertes etwas bevor. Die Sorge war unbegründet. Moderationen lassen sich in englischer Sprache einfacher ungezwungen gestalten als in Deutsch. Ich musste immer an das wahre Wort meines Lehrers denken, der immer sagte, er würde jede Sprache beherrschen, wenn er nur die nötigen Vokabeln dazu wüsste. Diesem Prinzip folgend habe ich die mir fehlenden Ausdrücke sehr zur Erheiterung der Zuhörer mit dem mir zur Verfügung stehenden Vokabular umkurvt. Außerdem haben Konzertbesucher des englischsprachigen Raumes das Entertainment betreffend eine längere Tradition. Das Konzert war zwar angekündigt als das eines Steinway Künstlers. Und die pflegen in der Regel das ernsthafte Rezitativ. Die auflockernde, heitere Art wurde jedoch begeistert aufgenommen. Und noch ein anderer Umstand hat wohl geholfen: Das Image der Deutschen im Ausland beschränkt sich auf pünktlich und wohlorganisiert, aber humorlos.
Die Resonanz der Zuschauer und der geladenen Gäste aus Singapurs High Society war überwältigend und ich habe per Email eine Menge Dankesschreiben erhalten.
